weiblich, unentschlossen, leicht widerstrebend und übervorsichtig ...

Schmully

Neues Mitglied
#1
Früher bedeutete mir Freundschaft meist Vertrauen, Geborgenheit, Bezugspersonen und natürlich jede Menge Spaß und viele gemeinsame Erlebnisse. Ich glaube ich war emotional recht anhänglich, da ich in meiner Ursprungsfamilie keine wirklichen Bezugspersonen hatte. Ich war aber nie so richtig der Cliquentyp. Immer hatte ich einige und einzelne Freundinnen/Freunde mit denen ich viel Zeit verbrachte. Ob das nun der Nachbarsjunge war, meine beste Freundinnen in der Teeniezeit oder die guten und beste Freundinnen dann später in den Zwanzigern. Ich war nie ohne Freunde. Ohne sie wäre ich ein sehr einsamer Mensch gewesen. Natürlich gab es auch oberflächliche Freundschaften. Man redete weniger über emotionale Dinge, sondern teilte eher Gemeinsamkeiten. Jeder Mensch, mit dem ich befreundet war – es waren immer sehr verschiedene Persönlichkeiten – hatte etwas an sich, was zu meinen verschiedenen Lebensabschnitte und Vorlieben passte. Freundschaften wechselten auch oft und Einige mussten auch beendet werden. Man entwickelte sich getrennt voneinander weiter und passte nicht mehr in das Leben des Anderen und umgekehrt. Verluste oder Neuorientierungen waren selten mit Leid behaftet, denn es gab immer jemand bzw. mehrere. Ich hatte keine Zeit zu vermissen.

Das hat sich im Großen und Ganzen nicht wirklich geändert, nur dass seit 10 Jahren mein Ehemann mein bester Freund ist – Bezugsperson, Kumpel, Liebhaber, Familie in Einem.

Gibt es jetzt sonst noch Freundschaften?

Nein, seit 10 Jahren nicht mehr. Durch meinen Umzug von einer Großstadt in einer kleineren habe ich keinen neuen Anschluss gefunden. Die ersten paar Jahre habe ich es versucht, aber nichts von Dauer. Irgendwann wollte ich auch nicht mehr. Ich war als frischgebackene Mama zu beschäftigt und hatte außerdem noch private emotionale Belange, die das Knüpfen von neuen Kontakten unmöglich machte. Auch die bestehenden Freundschaften aus der Großstadt brachen nach und nach ab. Ich kümmerte mich nicht mehr darum. Ich würde sagen, dass ich zu einer Introvertierten wurde und jetzt immer noch bin. Ich lasse nie wirklich jemand an mich heran.

Warum nicht?

Das hat verschiedene Gründe. Einerseits liegt's am inzwischen arg zurückgebildeten Selbstvertrauen – was habe ich überhaupt noch als Freundin zu geben? Ich fühle mich nicht mehr belastbar. Ich habe Angst, dass ich mich nicht distanzieren könnte, wenn es nötig ist, Angst, Andere dadurch zu verletzen, Angst vor Unverständnis, weil ich nicht mehr die Extrovertierte von früher bin, die jeden Mist mitgemacht hat und auch die Zeit dazu hatte. Außerdem will ich, dass mich jemand überhaupt kennenlernt? Bin ich noch liebenswert als Freundin?

Ich bin inzwischen so verwöhnt von der Harmonie und Eintracht mit meinem Mann. Könnte es mir daher jemand überhaupt Recht machen? Schwierige Dinge, die früher nie zur Debatte standen, weil ich anders und anspruchsloser war. Ob das etwas mit dem Alter zu tun hat? (Wurde vor Kurzem 40)

Es sind noch andere Faktoren, die eine Freundschaft nicht gerade aufblühen lassen würden. Ich habe mich weitestgehend von der Außenwelt zurückgezogen, erstens, da Geld immer ein Thema ist, zweitens möchte ich nicht „gesehen“ werden und drittens fehlt mir oft die Kraft, mich überhaupt aufzuraffen, etwas zu unternehmen. Also in Allem – nicht nur introvertiert, sondern auch leicht sozial-phobisch. Keine guten Voraussetzungen, gell?

Trotzdem – ganz aufgegeben habe ich nicht, da ich genau weiß, es wäre nicht gesund. Egal ob Familie oder nicht, jeder Mensch braucht Freunde außerhalb des trauten Heims … egal ob oberflächlich oder nicht. Etwas muss da sein. An so etwas kommt man aber nicht einfach so. Man muss was dafür tun. Wozu bin ich bereit?

Das weiß ich noch nicht.

Alles was ich weiß, ist dass ich mich hier gerne austauschen würde, nicht mehr, nicht weniger. Erstmal jedenfalls. Das scheue Reh, das aus der Entfernung nur schaut und schnell wegrennt, wenn's brennt …

Vielleicht schreibe ich in diesem Forum zuerst ein wenig. Vielleicht entwickelt sich daraus irgendwann was Echtes, vielleicht auch nicht. Schicksalsfügung oder eben keine. Ich bin geschlossen und doch offen.

Das wirft die Frage auf – sind kompliziert gewordene Menschen überhaupt freundschaftsfähig?

Der Selbst-Test läuft. :)
 

Nika2305

Neues Mitglied
#2
Hallo Schmulli,
du hast wirklich einen schönen Text geschrieben der mir absolut aus der Seele spricht. Als ich vor 6 Jahren Schwanger wurde und nach Hamburg zu meinem Lebensgefährten gezogen bin habe ich überhaupt keinen Anschluss gefunden. Ich habe es ab und an versucht aber ich bin leider sehr zurückhaltend und mein Selbstwertgefühl ist im Keller. Nun habe ich das Gefühl, dass sich mein Partner von mir anwendet, da er mittlerweile durch eine neue Arbeit auch neue Freunde gefunden hat. Was ja auch sein gutes Recht ist aber er verbringt keine Zeit mehr mit mir. Jetzt merke ich erst recht wie sehr ich jemanden brauche mit dem ich über alles reden kann, der mich bei einer Trennung auffängt und Unterstützt. Ich danke dir für deinen Text er hat mir etwas Klarheit über mich selbst gebracht und gibt mir das Gefühl mit meiner Situation nicht ganz allein zu sein, auch wenn du noch deinen Mann hast der dir vielleicht halt gibt.
Liebe Grüße Annika
 

Schmully

Neues Mitglied
#3
Arbeitest Du außer Haus, Annika? So hätte man vielleicht noch die Möglichkeit, zumindest oberflächlich mit einer Arbeitskollegin anzubandeln, mit der man vielleicht nicht ganz so eng zusammen arbeitet. Ich selbst arbeite nicht, bin in Früh(erwerbsminderungs-)rente - ja ich weiß - schon mit 40. Das erschwert das Ganze noch mehr, finde ich.

Mit Mütter der Schulkameraden meiner Tochter anzubandeln ... das wäre theoretisch möglich, aber ich bin nunmal keine "typische" Mami oder Hausfrau. Dafür falle ich zu sehr aus der Rolle. Alle Mamis, die ich bisher gesehen und gesprochen habe sind "Normalos" (entschuldige den Ausdruck - mir fällt kein besseres Wort ein) und ich gehöre eher zur Fraktion "Paradiesvogel". Schon vom Aussehen her - ich habe ein Piercing, bin leicht Gothik angehaucht und bin nicht gerade dünn. Ich denke, deshalb fiel es mir irre leicht in Berlin Anschluss zu finden. Da gab/gibt es genug andere Paradiesvögel und weniger "Normalbürger". Das soll natürlich nicht heißen, dass ich dafür nicht offen wäre, mich mit jemanden anzufreunden, der ganz anders ist als ich ... es liegt auch an der Toleranz und die Offenheit Anderer. Schon an Blicken merkt man, dass man nicht "zugehörig" ist und was sollte ich da groß versuchen? Ich habe kein Bedarf, mich zu verstellen oder beweisen zu müssen, dass ich innerlich genau so "normal" bin wie die Anderen. Gut ... eigentlich bin ich das nicht wirklich, aber ich denke Ihr wisst was ich versuche zu sagen. Ein Vorort einer mittelgroßen Stadt in Nordhessen ist nicht gerade ein Ort, wo Außenseiter ihren Platz in der Gesellschaft leicht finden können ... und ganz anonym wie in einer Großstadt lebt es sich hier auch nicht gerade.
 

apeiron

Neues Mitglied
#4
Hallo Schmully,

bist Du noch auf dieser Seite? Es ist "ungewöhnlich", dass ich mich auf die ganz privaten Seiten begebe (Tagebuch)... und doch steht darunter "Berichten Sie über Ihre Suche nach Freunden", das weckte mein Interesse und nahm die generelle Bedeutung von "Tagebuch" - wie auch Deine Zeilen klingen, also eher verzweifelnd... fragend... orientierungslos.


Deine letzte Frage im ersten Beitrag ist, ob kompliziert gewordene Frauen überhaupt freundschaftsfähig sind. Dies ist der vorletzte Grund, weswegen ich Dir schreiben mag. Der letzte ist: Du suchst nach Austausch und ich auch. Eine weitere Antwort kam seit fast einem Monat nicht. Und vielleicht schaust Du hier vorbei!?


Erstmal mag ich Dir eine Rückmeldung Deiner beiden Beiträge geben - oder Deinen 3 Beiträgen. Denn der 3. Beitrag erzählt von viel Sensibilität... (innere Stimme, leise Orte treffen,...). Dein erster Beitrag des Tagebuchs erzählt von viel Verzweiflung, Verletzung, Traurigkeit. Vielleicht sogar von Heimweh. Nicht nur nach der letzten Heimat, sondern nach "den Wurzeln des Lebens".

Und Dein 2. Beitrag aus dem Tagebuchs.... von einer "Mauer", irgendwo zwischen viel Unsicherheit aber auch einer Fassade, die Stärke unbedingt aufrecht erhalten mag/muss. Von Kassifizierungen der Menschen.... dass Du "Normalbürger" schon dulden würdest... aber offenbar nicht gkücklich mit dieser Freundschaft wirst.

Der Satz: "[...] Ich habe kein Nedarf, mich zu verstellen oder beweisen zu müssen, dass ich innerlich genau so "normal" bin, wie die Anderen. [....]
- Wut - Enttäuschung - Verzweiflung -


Was ich mit all den Beispielen sagen mag ist, vielleicht spüren die Menschen nicht Deine "Andersartigkeit" und meiden Dich deswegen, sondern sie spüren, dass Du Dich selbst abgrenzt (Du bezeichnest Du auch als "Außenseiter"). Vielleicht wären auch die anderen Menschen toleranter Dir gegenüber, wenn diese Dich einschätzen könnten. Wenn Du auch bereit bist, ihnen von Dir zu erzählen..... und zuzuhören. Und ich bin mir sicher, aus jedem Menschen kann ein kleiner "Paradiesvogel" herausgekitzelt werden. Nur die meisten Menschen sind zu angepasst, weil "Paradiesvögel" auch nicht in das Berufsbild passen. Du hast die EU-Rente, also kaum etwas zu verlieren.... aber sich behaupten im Berufsleben, so sogar andere Meinungen kaum akzeptiert werden, weil sehr viele Arbeitgeber auch wollen, dass das Gehirn einfach zu Hause gelassen wird, damit nur funktioniert wird.... dann wird es schon schwerer. Denn die meisten "Paradiesvögel" gehen auch einer Selbstständigkeit nach - auch weil ihnen dieser Raum als Angestellte zu klein ist, habe ich immer wieder gehört/gelesen/verstanden.


Toleranz gegenüber Anderer zu sein, bedeutet auch, Toleranz sich Selbst gegenüber zu wahren. Um dieses "ausleben" zu können. Gefühlte Selbstsicherheit ist eine ganz andere, als eine gespielte Selbstsicherheit. Beispiel: Deinen erster Beitrag hier finde ich authentisch (suchend, fragend, nachdenklich,...) Deinen zweiten Beitrag hier finde ich "gespielt" (urteilend, unsicher, zum Einen viel Selbstschutz, aber immer wieder Verzweiflung). Vor allem zweitens ist für Menschen kaum einordbar/nachvollziehbar. Und alles, was nicht mehr erklärbar ist, wird abgelehnt.... so meine Beobachtung.


Alles Gute auf Deinem Weg!
 

Schmully

Neues Mitglied
#5
Hallo Apeiron,

ich danke Dir für Deine interessante Zeilen und ja, ich schaue ab und zu hier mal rein. In letzter Zeit eher weniger.

Es ist immer wieder für mich erstaunlich, welche Eindrücke das eigene Geschriebene bei den verschiedensten Menschen hinterlässt. Ich gebe Dir vollkommen Recht, dass jemand, der für Andere nicht erklärbar oder einzuschätzen ist eher gemieden wird – das unterschiedliche oder gar widersprüchliche Verhalten verunsichert nun mal - und ich denke genau da liegt der Hund begraben. Ich bin immer authentisch in meinen Zeilen und „spiele“ nie, was mein Unterbewusstsein jedoch zum Ausdruck bringt, dafür kann ich nicht die ganze Haftung übernehmen, denn mir wohnen verschiedene Persönlichkeiten inne, die jedoch zum größten Teil miteinander verschmolzen sind, aber im Geschriebenen wohl doch mehr ihren Ausdruck finden. Deshalb denken die Meisten, man „spiele“ verschiedene „Rollen“ und somit wird das Misstrauen geschürt. Ich kann das aus einem objektiven Standpunkt komplett nachvollziehen.

Ich spüre jedenfalls wie in der letzten Zeit die Verzweiflung von mir gewichen ist, nicht weil sich großartig was geändert hat, sondern weil ich erkannt habe, dass ich mich trotz der gelegentlich auftretenden Sehnsucht nach einer Veränderung doch in meiner selbstgewählten Isolation nicht immer unwohl fühle. Ich habe für mich erkannt, dass ich noch keinesfalls dazu bereit bin, jemand in der „realen Welt“ an mich ranzulassen. Online jedoch traue ich mir aber durchaus einen langsamen und vorsichtigen Kontaktaufbau zu. Ich denke das ist ein ausbaufähiger Anfang. Es ist gut genau zu spüren, was man möchte und was man sich zutrauen kann. Orientierungslosigkeit ade …

Auch Dir alles Gute auf Deinen Weg! :)

LG

Schmully
 

michaela

Erfahrenes Mitglied
#6
jetzt mag ich doch gerade gern was schreiben, hatte es irgendwie so zufällig gelesen, weil mich die Überschrift ansprach.
Schmully - dein erster Text hat mich irgendwie gefesselt, obwohl irgendwie anders
doch passend - auf mich - also in einigen Phasen wieder gefunden...
fühle mich diese woche auch total nicht wohl psyisch, das hat mich gerade alles noch trauriger/nachdenklich gemacht.
Ja man strahlt irgendwie was anderes aus - Unsicherheit oder was uach immer und wird zum aussenseiter.
Möchte auch gern eine Veränderung - aber ich weiß nicht wie und ich glauibe ich kann auch nicht so richtig wen (oder nur ganz wenige) an mich ranlassen.
und aus Erfahrung wollten die wo ich gern mehr hätte halt nicht mehr oder können/dürfen nicht mehr weil es "professionen" sind....
 
Oben